Phänomen Gegenübertragung
Über das, was zwischen zwei Menschen entsteht.
„Je nachdem, welche Saiten mein Gegenüber in mir zum Klingen bringt …"
Bei manchen Menschen sind wir ganz bei uns, ruhig und offen. Bei anderen werden wir unsicher, gereizt oder auffällig still. Manchmal sind wir sogar überraschend begeistert, voller Ideen und Energie. Und oft können wir gar nicht genau sagen, warum.
Etwas in der Begegnung berührt uns.
Auch in meiner Arbeit geschieht das. Der Mensch, der mir gegenübersitzt, bringt nicht nur seine Geschichte und seine Fragen mit. Er begegnet auch mir und diese Begegnung löst etwas aus. Ich kann mich plötzlich besonders verantwortlich fühlen, Ungeduld verspüren oder jemanden unbedingt verstehen und unterstützen wollen. Manchmal werde ich aber auch unsicher, fühle mich auf Distanz gehalten oder bemerke einen ungewöhnlichen Impuls, besonders viel erklären zu wollen.

Solche Reaktionen können etwas mit mir zu tun haben. Sie können aber auch etwas über die Arbeitsbeziehung erzählen, die gerade zwischen uns entsteht.
In der Psychologie wird für einen Teil dieses Geschehens der Begriff Gegenübertragung verwendet. Gemeint sind die Gefühle, Gedanken und Impulse, die bei der begleitenden Person entstehen. Sie sind weder „richtig" noch „falsch" und auch keine automatische Botschaft darüber, wie der andere Mensch „wirklich ist".
Interessant werden sie dort, wo man sie wahrnimmt und sich fragt: was geschieht gerade zwischen uns und was wird darin in mir berührt? Könnte darin etwas liegen, das auch für mein Gegenüber bedeutsam ist?
Manchmal erinnert mich jemand an eine Erfahrung aus meinem eigenen Leben. Ein andermal entsteht in der Beziehung ein Muster, das der Mensch auch aus anderen Beziehungen kennt oder er fordert mich unbewusst dazu auf, eine bestimmte Rolle einzunehmen: die der Retterin, der Richterin oder der Allwissenden.
Genauso wichtig ist die andere Richtung: nicht jede Reaktion muss gedeutet werden. Manchmal passt die Chemie nicht. Manchmal habe ich selbst einen schlechten Tag.
Gegenübertragung bedeutet für mich deshalb nicht, möglichst viel in eine Begegnung hineinzuinterpretieren. Es geht eher um eine aufmerksame Form der Selbstbeobachtung: wahrzunehmen, was passiert in mir, ohne daraus ein Urteil über den anderen zu machen.
Darin liegt für mich eine besondere Möglichkeit der Begleitung: nicht nur darüber zu sprechen, was jemand erlebt, sondern gelegentlich auch wahrzunehmen, was zwischen zwei Menschen entsteht.
Wir werden durch unser Gegenüber zu unterschiedlichen Versionen unserer selbst. Und manchmal lohnt es sich, diesen Saiten ein wenig zuzuhören.
