Wenn der eigene Wert an Leistung hängt
Über den Unterschied, etwas gut machen zu wollen und sich über Leistung gut fühlen zu müssen.
Du hast einen guten Tag hinter dir. Die Arbeit ist geschafft, jemand hat deine Leistung gelobt und du hast mehr erledigt, als du dir vorgenommen hattest.
Trotzdem denkst du schon darüber nach, was morgen noch ansteht.
Oder du bekommst eine kritische Rückmeldung und merkst, wie schnell sich etwas in dir verändert. Eben warst du noch zufrieden mit dir. Jetzt fragst du dich, ob du überhaupt gut genug bist.
Das ist ein wichtiger Unterschied: Geht es dir darum, etwas gut zu machen? Oder brauchst du die gute Leistung, um dich mit dir selbst gut zu fühlen?
Wenn der eigene Selbstwert stark an Leistung gekoppelt ist, kann aus Ehrgeiz schnell Druck werden.
Wenn Leistung darüber entscheidet, wie du dich selbst siehst
Ein Erfolg fühlt sich dann nicht nur gut an. Er bestätigt dir, dass du etwas kannst, dass du genügst, dass du auf dem richtigen Weg bist.
Ein Fehler hat dagegen ein ganz anderes Gewicht.
Eine Aufgabe dauert länger als geplant. Du bekommst Kritik. Du bist unkonzentriert. Du schaffst weniger als sonst. Und aus „das ist heute nicht gut gelaufen“ wird schnell:
Ich kann das nicht.
Ich bin nicht gut genug.
Andere schaffen das doch auch.
Ich hätte mich mehr anstrengen müssen.
Der eigene Wert hängt dann an etwas, das sich ständig verändert: an Leistung, Produktivität und der Anerkennung anderer.
So direkt höre ich das selten. Meistens klingt es harmloser, etwa „ich bin halt ehrgeizig“. Erst wenn wir genauer hinschauen, zeigt sich, dass es gar nicht um die Sache geht, sondern um die Frage, was ein misslungener Tag über die eigene Person aussagt.
Das Problem daran ist nicht, dass du hohe Ansprüche hast. Das Problem entsteht dort, wo dein Selbstwert davon abhängt, ob du diese Ansprüche erfüllst.
Dann reicht es nie ganz.
Eine Aufgabe ist erledigt, die nächste wartet bereits. Ein Ziel ist erreicht, das nächste wird gesetzt. Du bekommst Lob und kannst es kaum annehmen, weil du sofort darüber nachdenkst, was noch besser hätte sein können.
Perfektionismus hält diesen Kreislauf am Laufen
Perfektionismus sieht von außen oft nach Stärke aus. Menschen, die sehr hohe Ansprüche an sich stellen, sind häufig zuverlässig, gründlich und engagiert.
In der Begleitung sitzen mir regelmäßig Menschen gegenüber, die nach außen vollkommen souverän wirken und innerlich eine Liste führen, auf der nie etwas abgehakt ist.
Der Preis dafür kann hoch sein.
Du bemerkst vor allem deine Fehler. Nach einem Vortrag denkst du an den einen Satz, der dir nicht gelungen ist. Nach einer Prüfung bleibt der eine Fehler hängen, obwohl das Ergebnis gut war. Nach einem Gespräch gehst du im Kopf noch einmal durch, was du gesagt hast.
Die zehn Dinge, die funktioniert haben, geraten dabei schnell in den Hintergrund. Das macht es schwer, mit der eigenen Leistung zufrieden zu sein.
Und wenn Zufriedenheit immer erst nach der nächsten guten Leistung erlaubt ist, entsteht ein ziemlich anstrengender Kreislauf: leisten, kurz aufatmen, neue Ansprüche entwickeln, wieder leisten.
Wenn du es allen recht machen möchtest
Der eigene Selbstwert kann auch stark davon abhängen, wie andere Menschen reagieren.
Du möchtest niemanden enttäuschen. Also sagst du zu, obwohl du keine Zeit hast. Du übernimmst Verantwortung, die eigentlich nicht bei dir liegt. Du überlegst lange, wie du etwas sagen kannst, ohne jemanden vor den Kopf zu stoßen.
Und wenn jemand tatsächlich unzufrieden ist, beschäftigt dich das vielleicht noch Tage später.
Dann geht es nicht mehr nur um die Frage, ob dein Verhalten angemessen war. Es geht um dich.
Bin ich ein guter Mensch, wenn jemand enttäuscht von mir ist?
Bin ich noch liebenswert, wenn ich jemanden vor den Kopf stoße?
Was sagt es über mich aus, wenn ich nicht alles schaffe?
Solche Fragen können enorm viel Druck erzeugen.
Ein stabiler Selbstwert fühlt sich anders an
Ein stabiler Selbstwert bedeutet nicht, dass dir Kritik egal ist. Natürlich darf es dich treffen, wenn jemand mit dir unzufrieden ist. Natürlich darfst du dich über einen Erfolg freuen.
Der Unterschied liegt darin, was danach passiert.
Ein Fehler bleibt ein Fehler. Er wird nicht zum Beweis dafür, dass du als Mensch nicht gut genug bist. Eine Absage bedeutet nicht, dass du wertlos bist. Und ein Tag, an dem du wenig geschafft hast, muss nicht automatisch ein schlechter Tag sein.
Das lässt sich nicht einfach beschließen. Wenn du über Jahre gelernt hast, deinen Wert über Leistung und Anerkennung zu bestimmen, sitzt dieses Muster meist ziemlich tief.
Deshalb geht es beim Selbstwert auch nicht darum, sich ständig positive Dinge über sich selbst zu sagen. Es geht darum, zu verstehen, warum Leistung für dich so eng mit deinem eigenen Wert verbunden ist.
In Gesprächen lande ich dabei fast immer bei denselben vier Fragen:
Woher kommt der Druck?
Was passiert, wenn du nicht perfekt bist?
Warum fällt es dir so schwer, jemanden zu enttäuschen?
Und was befürchtest du, wenn du einmal nicht funktionierst?
Genau darum geht es im Selbstwert-Programm: um Selbstzweifel, Perfektionismus, Leistungsdruck und die Frage, wie ein stabilerer Selbstwert entstehen kann, der nicht ständig von Leistung oder der Anerkennung anderer abhängt.
Du musst deinen Wert nicht verdienen
Vielleicht ist das der schwierigste Gedanke:
Du bist nicht wertvoller, wenn du heute besonders viel geschafft hast. Und du bist nicht weniger wertvoll, wenn du heute kaum etwas geschafft hast.
Deine Leistung darf dir wichtig sein. Du darfst ehrgeizig sein und dich über Erfolge freuen.
Aber dein Wert als Mensch sollte nicht jeden Tag aufs Neue davon abhängen, ob du deine eigene Messlatte erreicht hast.
